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Argentinien: Bariloche bis
El Calafate


Tag 147 / Di 1.1.2019 / 30 km südlich von Bariloche

(Cornelia) Die Sonne kämpft sich durch, der Kühlschrank ist vorschriftsmäßig leer (ohne frisches Obst und Gemüse, Käse, Eier, Wurst….), wir erledigen noch ‚Haushalt‘, gehen rasch ins WiFi und freuen uns über die weiteren Neujahrsgrüße. Kaum sind wir losgefahren, halten wir gleich wieder, weil ein nicht ganz kleiner Wasserfall von der Straße aus zu sehen ist. Dichter Bambus und die dunkelgrünen Blätter des Riesenrhabarbers säumen die Straße. Nach vielen Kurven erreichen wir die chilenische Grenze und machen gleich den ersten Fehler als grenz-ungeübte Deutsche: An einem Häuschen, noch weit vor dem eigentlichen Grenzgebäude, hätten wir halten müssen, auch wenn keiner winkt oder guckt. Zurück marsch marsch, einen weißen Zettel holen, auf dem nur die Zahl 2 steht (Personen) und unsere Autonummer. Dann an zwei Schalter gehen: Nr. 1 Grenzpolizei, Nr. 2 Zoll. Weiterfahren. Gutes neues Jahr, gute Reise!
Bis zur argentinischen Grenze sind es 36 Kilometer, dazwischen ist der Pass Cardenal Antonio Samoré (1314 m) zu überwinden. Kilometerlang fahren wir durch tote Wälder, die wohl einem Waldbrand zum Opfer gefallen waren. Digitalis in rosa und weiß rahmt die Straße ein, ab und zu ein See, dann die Passhöhe, unter den Schutz der Jungfrau Maria gestellt, claro. Kurz danach haben wir einen schönen Blick auf einen erodierten Vulkanschlot aus Basalt, der aber einen kleinen Wolkenschleier trägt. Es geht weiter abwärts, die Fingerhüte werden von lila, rosa und blauen Königskerzen abgelöst, dazwischen gelber Ginster.
Häuschen, wir halten, Grenze, Grenzgebäude mit Grenzpolizei, neuer Stempel für 90 Tage Aufenthalt, Zoll… HALT! Dem eifrigen Beamten fällt etwas in unseren Auto-Papieren auf, was keiner vorher bemerkt hat: Das Ende der Vermietung lautet auf den 17.12.2018. Häh??? Das war doch der Tag, bevor wir das WoMo übernommen haben… Wir erklären uns und den offensichtlichen Fehler. Ja, kapiert, aber: HALT! Ohne richtiges Datum keine Einreise nach Argentinien. Immerhin ist der Beamte so nett, über unser Handy mit dem Vermieter zu telefonieren (Notruf-Nummer, denn heute ist Feiertag…!) Er erklärt dem Vermieter, dass jener online das Einreiseformular ändern müsse und es an die argentinische Grenze mailen könne. Wir schöpfen Hoffnung.
Nach etlicher Wartezeit erhalten wir vom Vermieter eine SMS: Die Datumsänderung sei online nicht möglich, wir müssten zurück an die chilenische Grenze. Mist. Also alles noch einmal, fürs Häuschen einen Rückkehrschein, was uns einen sehr verdutzten Blick plus Nachfrage des Grenzers einbringt; die Lupinen, der Vulkanschlot, der Pass, die Fingerhüte, der verbrannte Wald. Nach 36 Kilometern schlagloch- und kurvenreicher Straße erreichen wir die chilenische Grenze, nehmen wortlos den Zettel aus dem dortigen Häuschen entgegen und legen uns die Worte zurecht, unser Problem zu erklären. Die Grenzpolizei winkt uns gleich zum Zoll weiter, wo man nicht Englisch spricht und ich auf Spanisch unser Problem zu schildern versuche. Die junge Dame am Schalter weigert sich zunächst, mit unserer Vermietung zu sprechen, tut es aber schließlich doch, fragt noch zwei Vorgesetzte. Der Prozess ist jetzt klar – immerhin: Erst muss das ganze Formular annulliert werden, was der Zoll darf, dann füllt die Vermietung das Formular neu aus, der Zoll akzeptiert es. Warten. Endlich ist das neue Papier gemailt, vom Zoll ausgedruckt und unterschrieben, ein neuer weißer Zettel – Autonummer, zwei Personen… - ausgefüllt. Dann dürfen wir wieder zur Grenzpolizei, die uns – juhu – wiedererkennt und den Vortritt lässt.
Knapp vier Stunden – VIER STUNDEN – später sind wir wieder an der argentinischen Grenze und winken ‚unserem‘ Zöllner freudig mit dem Papier entgegen. Uff, geschafft. Welch ein Aufwand!
Das weitere Tagesgeschehen ist rasch erzählt: Lange Fahrt am tiefblauen See Nahuel Guapi entlang, Pizza in Villa la Angostura (der Kühlschrank ist ja leer…), Fahrt an Bariloche vorbei Richtung El Poltón, bis wir am nächsten tiefblauen See, dem Lago Gutierrez, einen Campingplatz finden. Wir trinken zwei (kleine) Flaschen Bier am Seeufer und genießen den Neujahrsabend!

Mobirise
Prosit Neujahr!

Tag 148 / Mi 2.1.2019 / Gobernador Costa

(Cornelia) Nach vielen Kurven und sehr abwechslungsreicher Landschaft durch verschiedene Kordilleren erreichen wir El Bolsón, wo wir Schlafsäcke und Proviant erwerben und uns mit köstlicher Schwarzwälder und Käsesahne belohnen. In den 70er-Jahren soll der obstproduzierende Ort ein Hippie-Mekka gewesen sein, heute zieht er Outdoor-Freaks an, und so mischen sich langhaarige und bezopfte Männer aller Altersklassen.
Es wird zunehmend flacher. Esquél ist Ausgangspunkt ins schneesicherste Skigebiet in Argentinien. Im Sommer hat es hier bis zu 40 Grad, im Winter minus 18, was auch die schlechte, von Schlaglöchern übersäte Straße erklärt. Kurz besuchen wir das Mausoleo Incayál, das zu Ehren der im 19. Jahrhunderten niedergemetzelten Indios errichtet wurde und wie ein Wallfahrtsweg treppenartig nach oben führt.
Nach vielen Kilometern durch Steppe taucht der Ort Gobernador Costa auf, der einen Camping Municipal, einen städtischen Zeltplatz, haben soll. Hat er auch, allerdings in seiner Minimalform: ein gemischter Wasch- und WC-Raum in sehr vernachlässigtem Zustand. Der Wind braust durch die Pappeln. Wenigstens sind wir nicht allein: Vor uns sind schon zwei Schweizer auf einem Motorrad angekommen: J-J und seine Freundin K, die zusammen auf einer Farm in Uruguay leben. Später besucht uns J-J noch auf ein Glas Rotwein im WoMo und wir verabreden ein gemeinsames Frühstück am nächsten Morgen. J-J stammt aus einer Genfer Auswandererfamilie, hat in Buenos Aires die französische Schule besucht, sein Schwyzerdütsch (mit französischen Akzent) bei der Armee gelernt, ist eigentlich Banker und leitet mit sechs Gauchos eine große Estancia in Uruguay, in der er Rinder hält und sonst Soja anbaut.


Tag 149 / Do 3.1.2019 / Sarmiento

(Cornelia) J-J und K zwängen sich zum Frühstück auf das Polster auf der anderen Tischseite, freuen sich über heißen Kaffee, Brot und Marmeladen: Unsere ersten Gäste im WoMo! Viel zu schnell vergeht die Zeit im Gespräch über Buenos Aires, Auswanderermentalität und Schweizer Käse (beim ersten Käsefondue in der Schweiz nach knapp zwei Jahren Entbehrung hätten ihr die Tränen in den Augen gestanden); dann bepacken die beiden ihr Motorrad und starten.
Wir fahren stundenlang durch die Pampa (im eigentlichen Wortsinn!), abwechselnd in Halbsteppe oder Steppe. Einmal läuft uns ein Tier fast ins Auto, das ich spaßeshalber als Großen Pampashasen bezeichne, weil es wirklich größer ist als die üblichen Feldhasen. Und das Tier heißt tatsächlich so!! Mehrfach begegnen uns auch Guanakos, die nicht domestizierte Art Lama, in schöner Tarnfarbe in der Steppe lebend. Sie sind in meist in Gruppen zu sechst oder in ganzen Herden unterwegs. Als der erste Teil auf der anderen Straßenseite ist, scheinen die weiteren Tiere wirklich erst einmal nach rechts und links zu schauen… Im gestreckten Galopp geht es dann hurtig mit grazilen Sprüngen über die Straße. Auch Nandus, in absoluter Tarnfarbe und Laufvögel wie der Strauß, kreuzen mehr als gemächlich die Straße oder halten sich am Straßenrand auf. Später tauchen dann an einem Sumpfgebiet rosa Flamingos auf, die im Wasser herumstaksen. Der Lago Musters (benannt nach einem englischen Reisenden) weist eine unglaublich türkise Farbe auf.
Der nächste Straßenabschnitt führt durch Wüstenlandschaft mit Tafelbergen oder sonstigen kantigen Abbrüchen; die Steine sind rot, ocker, grau und grün, ein Fluss hat einen paar Meter tiefen leeren Canyon geschaffen. Von Sarmiento aus, 82 Kilometer östlich der Ruta 40 gelegen, eine 10000-Einwohnerstadt mit Obstanbaugebiet, mitten in der Pampa, fahren wir 24 km Schotterpiste zu den ‚Bosques petrificados‘, den versteinerten Bäumen. Beide haben wir so etwas noch nie gesehen: Durch Verkieselung (Einbau von Kieselsäure) entsteht ein fossiler Wald; ganze Holzstämme ragen aus Hügeln oder liegen, wie von Riesenhand hingeworfen, in kleinen Schluchten. Daneben liegen fossile Splitter, so als seien gerade Holzfäller am Arbeiten gewesen. Gleichzeitig fasziniert die Wüste ringsherum mit verschiedenen Felsformationen und -schichten. Im kleinen Besucherzentrum erfahren wir auch, dass das grüne Gestein ehemaliger Meeresboden ist.
Zurück in Sarmiento regenerieren wir uns in einer ‚Casa de té, einer hübsch eingerichteten Teestube, bei viel hausgemachten Kuchen, und die Wirtin gestattet uns, auf ihrem Parkplatz die Nacht zu verbringen.


Tag 150 / Fr 4.1.2019 / Lago Buenos Aires

(Cornelia) Erst müssen wir noch 50 km westlich fahren, bis wir wieder auf der Ruta 40 sind. Dann führt die Straße weiter nach Süden. Mal ist die Steppe vorwiegend grün, dann braun, danach wiederum gelb; in Tuffs sitzen die Gräser nebeneinander und bewegen sich im Steppenwind. Wir fahren an Bergketten vorbei, mit dem Blick in weite Flusslandschaften, in denen Kühe oder Pferde bis zu den Knien im Wasser stehen und grasen oder trinken. Ausgetrocknete Flüsse wechseln mit tief eingeschnittenen Flusstälern ab, die wegen eines Rinnsals grüne Pflanzen aufweisen oder wo gar Weiden stehen. Langweilig ist es auf keinen Fall – aber man lernt, in größerem Maßstab zu denken.
In Rio Mayo, einem Örtchen mit mehreren touristischen Einrichtungen, machen wir eine Fahrpause, in der ich mich dem Blogschreiben widme. (So etwas würde ich in Deutschland nie und nimmer machen: In einer Tankstelle den PC auspacken!!!) Die Bäckerei, in der es wie in meiner Kindheit nach frisch gebackenem Brot duftet, ist auch eine Erwähnung wert.
Nächster Tank-Stop ist Perito Moreno, das – wie ein Nationalpark und ein berühmter Gletscher - nach einem Sachverständigen (el perito) namens Moreno benannt ist, der Ende des 19. Jahrhunderts maßgeblich an der Aufteilung des Landes zwischen Chile und Argentinien beteiligt war. Für uns ist der Ort nur das Einfallstor für den Lago Buenos Aires, der der zweitgrößte in Südamerika nach dem Titicaca-See ist. Er ist riesengroß – wir können nicht mal dann die ganze Länge überblicken, als wir an einem Mirador halten; die verborgene Hälfte – ums Eck ‘rum – liegt in Chile. Ein älterer Herr spricht uns an: Er sei Wolgadeutscher und seine Familie sei nach Uruguay ausgewandert, jetzt besuche er seinen Sohn, der in Argentinien arbeitet; sein Name sei Otto Krumm. Er möchte auch hören, wie wir heißen, und freut sich, etwas Deutsches zu hören. (Zwei Tage später betritt er kurz nach uns den selben Kiosk in Gobernador Gregores.)
Schnell finden wir dank unserer App einen Campingplatz und bitten die Besitzerin, uns den Platz mit Strom und Licht frei zu halten. Wir müssen unbedingt noch zum Seeufer!
Welch eine Pracht, welch ein Blau! Im Hintergrund die schneebedeckten Gipfel, glasklares, windbewegtes Wasser, nur ein paar Fischer, die schweigend ihre Angelrute ins Wasser werfen. Descanso, Entspannung!

Mobirise

Tag 151 / Sa 5.1.2019 / Bajo Caracoles

(Cornelia) Kleines WoMo-Problem: Der Wasserauslass ist verstopft. Tom ist etwas beunruhigt – wir sind halt doch unerfahrene Wohnmobilisten! (Ich gehe selbstverständlich davon aus, dass der Herr Ingenieur das Problem wird lösen können…!) Nach 70 km Fahrt wieder in Perito Moreno: Tanken (soll man in Südpatagonien an JEDER Tankstelle, auf die man trifft, weil die Benzinversorgung nicht ganz gesichert ist) und Einkaufen im örtlichen Supermarkt. Warum argentinische Kassendamen und Kassenherren sooo langsam sind, ist mir absolut unverständlich: Auch sie ziehen alles nur per Barcode über den Scanner. Aber es d a u e r t.
Wieder geht es durch grün-gelb-braune Steppenlandschaften, so weit das Auge reicht. Tom schafft es, mindestens 136 Schlaglöchern geschickt auszuweichen… aber einige lassen sich nicht vermeiden. Auf Spanisch heißen sie ‚baches‘ (sprich: Batsches), was ich lautmalerisch als sehr gelungen empfinde. Mancher unerwartete ‚Batsch‘ fährt einem dann leider auch in den Rücken oder die Halswirbelsäule…
Die ‚Cueva de los manos‘, die Höhle der Hände, hat laut Reiseführer drei Zugangsmöglichkeiten; wir hoffen, dass die vom Süden kommende Straße schon geteert ist… Denkste, Puppe – schönster Schotter, häufig auch mit Waschbrettmuster, der uns und das Auto kräftig durchschüttelt. 38 Kilometer rumpeln wir zur Höhle, sind dem Mönch dankbar, der sie 1941 entdeckt hat, und gratulieren auch den Forschern, die sich 20 Jahre lang um die Höhle bemüht haben, bis sie 1992 von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt wurde… nur für die Straße hat die ‚Unterstützung‘ dann eben nicht mehr gereicht.
Die Führung findet in Spanisch und Englisch statt; alle werden mit Sturzhelmen ausgerüstet. Kaum hat die Führerin gesagt, dass man die Helme gut festzurren soll – da fliegt meiner schon vom Kopf. [Als Deutschlehrerin denke ich natürlich an eine Gedichtzeile von Jakob von Hoddis: Dem Bürger fliegt der Hut vom Kopfe… halt, keine Schulgedanken…!] Der Blick ins Flusstal ist beeindruckend: Saftiges Grün vor roten Felsen! Anders als erwartet, betritt man die Höhle nicht, sondern geht nur außen herum. Wir sehen Abdrücke von Händen, in rot, gelb, braun und schwarz, manche 9000 Jahre alt, manche nach neuester Forschungslage ‚nur‘ 5000. Auch Guanoko-‘Strichtierchen‘, Gürteltiere und Nandus, dazwischen auch seltener Strichmännchen und ein Schamane sind deutlich zu erkennen; offenbar diente die Anlage in den verschiedenen Höhlen des Felsen als Kultstätte. Fast möchte man die eigene Hand auf eine der abgebildeten legen – aber natürlich schützt die Bilder ein Zaun. Ich erzähle in einer Mail Agnes von der Höhle; sie liest gerade von Jürgen Kaube „Die Anfänge von allem“ und schreibt: „ Er geht dem, wie der Titel schon sagt, dem Beginn von allen Dingen (Kochen, Kunst, Religion, Sprechen, Musik, Staat etc.) nach […]. Ein Buch mit einer unglaublichen Bandbreite und hochinteressant. […] Letztendlich bestätigt sich, dass wir trotz aller Theorien gerade für diese Zeit der Menschheit nichts wissen. Im Zusammenhang mit der Höhle der Hände ist das Kunstkapitel spannend, auch wenn Kaube diese Darstellungen nicht explizit erwähnt. Ist das, was wir als Kunst sehen, auch von den ‚Schaffern‘ als Kunst gesehen worden, war es ‚nur‘ Informationsweitergabe, haben die Zeichnungen einen kultischen Hintergrund etc.? Viele Fragen und keine Antworten. Kaubes letzter Satz in diesem Kapitel: ‚In seinem Schmuck und seinen Bildwerken begann der Mensch zu spielen, was rechtfertigt, sie als den Anfang der Kunst zu bezeichnen.‘“ [Vielen Dank, Agnes!]
Mit uns in der englischsprachigen Führung sind zwei Schweizer Wohnmobilisten, denen wir in der Cueva zum ersten Mal begegnen. Alle stehen wir und staunen ob der schieren Anzahl der Hände (mehrere Hundert) und der beiden Mal-Techniken: Abdruck der Hand oder Paintbrush (Farbe aus einem Knochen geblasen). Schon beeindruckend, was uns aus dieser fernen Zeit hinterlassen wurde!
Danach rumpeln wir die Schotterpiste zurück und halten ein paar Mal. Nach einigen Fotos, in denen ich mich nur aus dem Autofenster lehne, steige ich doch auch einmal aus, weil es windet und ich so die Kamera am Auto abstützen kann. Die schräge Abendsonne taucht die Steppe in ein goldenes Licht und beleuchtet auch die Guanokos. Dass die Idee auszusteigen einen großen Haken hat, merken wir erst in Ort Bajo Caracoles: Tom findet sein Handy nicht mehr. Da auch meine linke Sandale fehlt, schwant uns, dass wohl beides – günstigenfalls nebeneinander – am Rand der staubigen Schotterpiste liegen müsste. Den Zeitpunkt des Verlusts wissen wir aufgrund des Fotos und können so die ungefähren Kilometer erschließen, etwa 30 – schluck… wir brauchen aber erst Benzin. Nach einer ersten falschen Auskunft heißt es dann zwar doch „Tengo Diesel“ (ja, wir haben Diesel), jedoch ist es mittlerweile Nacht. Ruhe bewahren, trotzdem schlafen…



Tag 152 / So 6.1.2019 / Gobernador Gregores

(Cornelia) Neuer Morgen, frischer Mut! Nach rund 30 Kilometern Gerumpel, den Blick auf den linken Pistenrand geheftet, entdecke ich meinen Schuh. Ob das Handy wohl daneben liegt?
Nach 45 Minuten vergeblicher Suche im eiskalten patagonischen Steppenwind geben wir auf. Vermutlich hat jemand beides gesehen, aber nur das Handy mitgenommen. Tom empfindet eine Mischung aus Ärger, Wut und Verzweiflung, am meisten über sich selbst, weil er das Handy nur lose neben sich gelegt hatte. Wenn es weg ist, merkt man erst so richtig, welche nützlichen Apps nicht mehr zur Verfügung stehen, dass Kontakte verloren sind usw.
Wieder 30 Kilometer zurückrumpeln – die Guanakos in der Morgensonne strafe ich mit Missachtung… Ruta Quarenta auf ein Neues. Viel Seitenwind, ungezählte Schlaglöcher, plötzlich in der Steppe, in Las Horquetas, ein Haus, nicht nur das: ein Gasthaus. Ein Ofen glüht, Lamm wird uns angeboten. Gerne, das hebt die Stimmung.
Stunden später, nach dem Durchfahren einer grünen Ebene mit mäanderndem Fluss erreichen wir die Tankstelle von Gobernador Gregores, 2300 km von Santiago entfernt, wo wir auch die Schweizer wieder sehen. (Kein Wunder, alle fahren die 40…) Eine Bank gibt es nicht, aber einen Campingplatz mit einwandfreiem WiFi, wo Tom auch das Abflussproblem bravourös löst. Abends bekommen wir noch ein paar Reisetipps von einem Kanadier, der mit Frau, Jeep und einem kleinen Wohnwagen schon fast zwei Jahre unterwegs ist. Wie sich schnell herausstellt, ist er gebürtiger Russe und holt nun das nach, was in seiner Jugend nicht möglich war.


Tag 153 / Mo 7.1.2019 / El Chaltén

(Cornelia) Am Morgen profitieren wir noch ein bisschen vom stabilen WiFi in Gobernador Gregores; ohne neues Bargeld können wir nichts kaufen und das restliche Geld, das wir noch in beiden Geldbeuteln zusammenkratzen, müssen wir noch fürs Tanken in Tres Lagos aufheben.
Zunächst ist die Ruta 40 noch geteert und oft geht es kilometerlang geradeaus; tatsächlich macht die Vorschrift, dass das Abblendlicht angeschaltet sein muss, Sinn. Einmal sehen wir ein Schild, dass in 120 Kilometern ein Telefon und ein Hospital zu finden sind… (Notrufsäulen in sehr großen Abständen sind vorhanden.) Wir wissen leider schon, dass uns eine 72 Kilometer lange Schotterpiste erwartet. Gut, dass man trotz dieser Information im Vorfeld relativ ahnungslos ist: Zum Teil geht es mit 50 km/h richtig flott dahin, zum Teil schwimmt das Auto in 20 Zentimeter tiefem, grobem Schotter (nicht ‚Aqua‘, sondern ‚stone planing‘), dann wieder kurvt Tom im Slalom um tiefe und breite Schlaglöcher herum. Wie die Autofahrer im Italien der 50er-Jahre grüßt man sich auf der Schotterpiste. Konzentration, Geduld und Durchhaltevermögen sind außerdem gefragt, wenn man in Südamerika unterwegs ist…
Irgendwann erreichen wir – oh holder Klang in unseren Ohren! - die Teerstraße, ruhen uns an der privaten und deswegen teuren Tankstelle von Tres Lagos aus und biegen von der Ruta 40 auf die 41, in Richtung Trekking-Freak-Paradies El Chaltén. In Indio-Sprache heißt das ‚Der Rauchende‘, weil der dortige Berg, später in Fitz Roy umbenannt, häufig umwölkt ist und die Indios dachten, er sei ein Vulkan. Fitz Roy in persona hingegen war der Kapitän des Forschungsschiffes, auf dem auch Charles Darwin unterwegs war, und kam dem riesigen, zackenreichen Bergmassiv von der chilenischen Seite her bis auf 50 Kilometer nahe. Auch wir sehen den Fitz Roy von etwa derselben Distanz, aber aus der argentinischen Ebene kommend. Lange führt die (seit etwa fünf Jahren) geteerte Straße am Lago Viedma vorbei; am Kopfende reicht die Zunge des gleichnamigen Gletschers bis in den See, von der Straße aus aber nicht zu sehen.
Unsere App hat uns einen Stellplatz kurz vor dem Ortseingang, in der Nähe des Visitor Centers (mit WC-Benützung!) avisiert; wir finden noch eine Lücke, gleich gegenüber dem WoMo der Schweizer von der Cueva de los Manos. Geld gibt es am Automaten nicht, aber nach einiger Suche doch noch ein Lokal, in dem wir mit der Mastercard zahlen können. Weil derzeit so viele Touristen in El Chaltén sind, wird erwartet, dass der Geldtransporter, der sonst nur montags und mittwochs den Ort anfährt, ausnahmsweise am morgigen Dienstag zusätzlich auftaucht.


Tag 154 / Di 8.1.2019 / El Chaltén

(Cornelia) Ausschlafen, bis die Sonne schön warm scheint. Der Picknick-Tisch in der Nähe des WoMos ist frei, und so frühstücken wir mit Blick auf den Fitz Roy – und fühlen uns wie die Könige! Inmitten der Berg-und-Trekking-Freaks empfinden wir uns zwar ein bisschen als Flachlandtiroler, aber was soll‘s: Wir passen das Ziel unserer Kondition an; letztlich sind wir zweieinhalb Stunden unterwegs und wandern zu zwei Miradores (Aussichtspunkten). Zuerst führt der Weg eher durch eine Dünenlandschaft: Viel Sand, Gräser, ein paar Blumen. Später kommen tuffartige Hartlaubgewächse mit kleinen Blütchen in verschiedenen Farben und Formen dazu. Pflanzen gucken versüßt mir jede Wanderung, aber der Weg ist so angenehm, dass ich auch ohne Pflanzen nicht meckern würde… Der Fitz Roy hat noch ein kleines Wolkenhäubchen, als wir aufsteigen. Plötzlich ist er ganz frei! Fantastisch! Zum ersten Mal kommt unser extra für die Reise erworbenes Fernglas zum Einsatz und lässt uns staunen. Ganz nahe ist das zackige Profil des Fitz Roy, auch den Gletscher können wir genau sehen und ebenso die dicken Schneeschichten auf den anderen Bergen rundum. Wow!  
Vom zweiten Mirador aus sehen wir auch auf die andere Seite hinüber, zum Lago Viedma. Was ich gestern für ein Ausflugsboot hielt, entpuppt sich im Fernglas deutlich als treibender Eisberg, vom Viedma-Gletscher in den See gefallen. Deshalb fahren auch gar keine Ausflugsboote mehr; zu gefährlich, man bedenke, dass man von einem Eisberg immer nur gerade 10 % über dem Wasserspiegel sieht! Wir können uns gar nicht satt sehen: Der türkis-farbene See mit den Eisbergen, darüber eine riesige Wolkenwand, aus der an mehreren Stellen weiße Striche nach unten führen, die wir erst dann als Schnee identifizieren, als uns ein paar Graupel erwischen. Hier oben ist es so kalt, dass ich gerne meine Mütze aus dem Rucksack krame, obwohl wir unten noch im kurzärmeligen T-Shirt losgelaufen sind. Der Fitz Roy liegt mittlerweile ganz frei vor uns und wird ein ums andere Mal fotografiert: Mit und ohne Blumen, mit und ohne Sonne, mit Tele oder im Weitwinkel usw. Der Vorteil: Er bewegt sich nicht, wie der Vogel mit der roten Kehle oder die dicke Hummel an der schwankenden Mini-Blüte.
Nach der Rückkehr gehen wir gleich zum Geldautomaten und können tatsächlich Pesos im Wert von 100 Euro ziehen – die Höchstsumme! Und zwar jeder von uns!! Wir fühlen uns reich und setzen gleich einen Teil des Geldes in Pizza und Kuchen um. Die Geld-Knappheit in Argentinien macht das Reisen wirklich etwas kompliziert und nervt. Weder am Vortag in El Chaltén noch davor in Gobernador Gregores hatten wir Geld bekommen; auf dem Land wird die Kreditkarte sowieso nicht akzeptiert und nicht einmal im Touristenort El Chaltén kann man überall mit Karte bezahlen und wenn, dann meist nur mit VISA – wir haben nur noch die Mastercard und Maestro (s. Abschnitt Buenos Aires, dort vorletzter Tag).
Die Sonne scheint noch so schön, ich sitze mit dem eBook auf dem Bänkchen, als ich im Augenwinkel einen Schatten wahrnehme: Grüß Gott! - ein Gürteltier bewegt sich auf kurzen Beinchen hurtig um den Tisch, das schwarze Näschen am Boden, um ein bisschen Touristen-Nahrung aufzustöbern. Bisher hatten wir nur leere Panzer gesehen, aber wenn sie lebendig herumlaufen, sind die Viecher echt putzig. Als Tom kommt, dreht das Tier gerade die zweite Runde.
Unsere Schweizer WoMo-Nachbarn Esther und Joachim setzen sich auf ein Glas Weißwein zu uns. Auch sie sind schon länger unterwegs; wir lösen uns im Geschichten-Erzählen ab. Um 20.45 Uhr scheint die Sonne immer noch ins Tal, allerdings ein bisschen mit ‚Lagerfeuer-Effekt‘: Vorne warm, hinten ein bisschen kühl. 

Mobirise

Tag 155 / Mi 9.1.2019 / El Chaltén

(Cornelia) Kaiserwetter!!! Oder doch nur Geburtstagswetter? Wer erlebt das schon – ein Geburtstagsfrühstück mit Blick auf den vollkommen wolkenlosen Fitz Roy?! Die WoMo-Nachbarn Esther und Joachim wandern vom Stellplatz aus – vielleicht sehen wir uns am Perito-Moreno-Gletscher wieder… Wir haben uns mal wieder Schotterpiste vorgenommen: Von El Chaltén aus geht es 37 Kilometer ein Tal entlang, bis zur Hälfte mit Blick auf den Fitz Roy, aber auch auf andere mehr oder minder schneebedeckte Gipfel. Eine ganze Weile lang folgt die Piste einem Flüsschen, dann kommen zwei Lagunen mit eisblauem Wasser und Schwarzhalsschwänen, Moore mal linker Hand, mal rechts – und nach eineinhalb Stunden landen wir am Lago Desierto, dem verlassenen See, dessen Längsseite man erwandern könnte (12 km/5 Std. laut Schild); wir wählen aber den Wanderweg zum Gletscher El Huemol, der auf Privatgrund liegt und deswegen einen Eintritt erfordert (immerhin 12 Euro pro Person!). Der Weg ist aber nicht nur gut markiert, sondern auch streckenweise mit Seilen gesichert.  
Erst geht es an einem munteren Gebirgsbach entlang durch einen naturbelassenen Wald, dessen Bäume oft bemoost sind und in dem es viel Totholz gibt. Danach kommen wir in eine höhere Zone, die Pflanzen aufweist, die für Patagonien typisch sind. Wer mich kennt, weiß, dass ich dann alle paar Meter zwecks Foto stehen bleibe… Irgendwann sehen wir den Gletscher. Was für ein Anblick: Kein dreckiger Altschnee, sondern weiße bis höchstens hellgraue Pracht. Am nackten, oft glatt geschliffenen Gestein erkennt man, dass auch dieser Gletscher früher eine viel größere Ausdehnung hatte. Mit dem Fernglas schauen wir fast in die Gletscherspalten hinein und sehen auch, dass zwei Menschlein im Schnee außerhalb des Gletschers nach oben steigen.
Tom geht noch ein paar Schritte weiter nach oben und winkt mir heftig: Sofort herkommen! Von dort aus blickt man auf einen unglaublich türkisgrünen Gletschersee! Dazu ein atemberaubendes Bergpanorama! Eine solche Bergschönheit haben wir beide noch nie gesehen.
Der Rest ist schnell erzählt: wurzelreicher Abstieg, ein kleines Picknick am Fluss, in dem Forellen springen, die Rumpelpiste zurück inklusive einiger klappernd-klappriger Brücken. Die Berge längs des Tals leuchten in der Abendsonne in vielen Farben; deutlich sieht man die durch die Faltung von unten nach oben gekehrten Gesteinsschichten. Wir finden auf einem Campingplatz in El Chaltén noch einen Stellplatz mit Strom und Wasser und freuen uns erst auf ein schönes Filet-Steak – über das WiFi im Lokal purzeln dann auch die vielen Geburtstagsglückwünsche aufs Handy - und dann auf ein Duschfest.
Duschfest… dass ich nicht lache…! Kaum war das Wasser an, versiegte es schon wieder… eingeseift warten… ein paar neue Tropfen usw.; auch bei den Toiletten versiegte das Wasser, das WiFi funktionierte auch nicht. 20 Euro aus dem Camper-Fenster geworfen…



Tag 156 / Do 10.1.2019 / El Calafate
(Cornelia) Heute ist es bewölkt und der Fitz Roy "raucht" wieder. El Calafate, nur 200 Kilometer entfernt, in der nächster Nähe (72 km) zum Gletscher Perito Moreno gelegen, ist das nächste Ziel. Wir sind das dritte Auto an der (einzigen) Tankstelle von El Chaltén, als der Tankwart plötzlich erklärt: „No Diesel!“ Was tun? Tom kennt das Auto zu wenig, um sich sicher zu sein, dass unser Restbenzin reicht. Tom guckt in den Reservekanister auf unserem Dach… der sich als leer herausstellt – wir Doofis hatten uns blind auf den Vermieter verlassen!!! Auf unserem ersten wilden Campingplatz finden wir einen Argentinier, der bereit wäre, uns 10 Liter seines Diesels abzugeben, aber aus dem Autotank, und sowohl er als auch wir haben keinen Schlauch. Zweite Idee: Wir fragen einen Parkranger. Sein Vorschlag: Zur Polizei gehen und in der nächsten Tankstelle (125 km weg) nachfragen lassen, ob sie Diesel haben. Dritter Versuch: Zurück auf dem wilden Platz sehen wir, dass im Wohnmobil eines Potsdamers plötzlich türkise Kissen liegen, wo vorher orangefarbige waren. Tom klopft an. Rettung naht! Der Besitzer des WoMos, eines 35 Jahre alten, aber frisch lackierten Lastwagens, ist bereit, uns aus seinem Reservekanister zehn Liter abzugeben. Nur gibt es noch ein Problem: Der Kanister trägt ein Schloss und er findet den passenden Schlüssel nicht! Für unseren Potsdamer aber kein Problem: Flugs zur Metallsäge gegriffen und das Schloss aufgesägt; schließlich wäre das bei nächster Gelegenheit sowieso nötig gewesen… Wir klönen noch ein bisschen über Routen, Straßen und Pinguinkolonien, dann kann es – knapp zwei Stunden später als geplant – losgehen. Glück gehabt!
Vom anderen Ende des Lago Viedma sehen wir noch den Gletscher Viedma und ein paar Eisberge auf dem Wasser treiben. Immer wieder haben wir einen Blick auf den Rio Santa Cruz, an dessen Rand aber keinerlei Bäume oder Sträucher wachsen: Ein eisblau mäandernder Fluss in absolut trockener und windiger Steppenlandschaft. Ein paar voll bepackte Radfahrer stemmen sich gegen den Winde und kämpfen sich vorwärts. Sie müssen ganz andere Gene als ich haben… ich bin froh um unser rollendes Gehäuse!
Erste Tätigkeit in El Calafate: TANKEN! Dann zur Wäscherei und zum Campingplatz. Ja, wer steht denn da? ‚Unsere‘ Schweizer, Joachim und Esther, von der Cueva de los manos und El Chaltén. Wir beschließen, zusammen Essen zu gehen und verbringen einen schönen Abend bei patagonischem Bier und Lammfleisch.


Tag 157 / Fr 11.1.2019 / Lago Argentino
(Cornelia) Bevor wir losfahren, plauschen wir noch ein wenig mit unseren Nachbarn, einem älteren Ehepaar (75 und 78) aus Fontainebleau, für 120 Tage mit einem Camper unterwegs und mit allen Camping-Wassern gewaschen. Sie haben viele Tipps und Tricks auf Lager, ‚des astuces‘, aus langjähriger Erfahrung. Um den Verbrauch des elektrischen Kühlschranks zu reduzieren, stellen sie Eiswürfel hinein, die es an jeder Tankstelle zu kaufen gibt. Wo sie denn immer Wasser bekämen, wenn sie so oft wild campten? Monsieur grinst spitzbübisch und erklärt: Dort, wo es in jedem Land Wasser gibt, auf dem Friedhof! Aha, wieder was gelernt. Jedenfalls wünschen wir uns, wenn wir die beiden ansehen und hören, wie sie begeistert von Orten und Museen erzählen, dass wir in ihrem Alter auch noch so drauf sind. Toll!
Punta Bandera, 47 Kilometer entfernt, ist das neue Ziel. Wir haben für die kommenden zwei Nächte ein „Glacier Experience“ auf dem Lago Argentino, dem größten See Argentiniens und dem drittgrößten Südamerikas (nach Titicaca-See und dem chilenisch-argentinischen Lago Buenos Aires) gebucht, an Bord eines 20-Kabinen-Katamarans. Wir sehen, dass wir auf dem Gelände der Firma unseren Camper werden parken können und machen uns auf den Weg zum Perito-Moreno-Gletscher, den man am besten von der gegenüberliegenden Halbinsel betrachten kann. Wie in den Parks in Nordamerika muss man auch im Parque Nacional Los Glaciares Eintritt bezahlen. Den ersten Blick auf den Gletscher haben wir von einem Mirador aus. Selbst aus der Ferne ist er schon beeindruckend!
Vom Parkplatz aus bewegt man sich auf Wegen und Treppen aus Metallgitter in Richtung Gletscher. Eisberge begleiten den Weg, glitzern in der Sonne und schimmern an einigen Stellen gletscherblau. Je näher wir dem Gletscher kommen, desto beeindruckender ist er. Man sieht eine 50 bis 70 Meter hohe Gletscherwand. Was uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar ist: Nach unten sind es noch einmal rund 120 weitere Meter! Wahnsinn. An den bizarren Formen der Gletscherspalten und den Lichtreflexen kann man sich gar nicht satt sehen. Plötzlich hören wir eine Art dumpfen Donner: Der Gletscher kalbt. Aber wenn man das Geräusch hört, ist es schon zu spät, dann liegt der mehr oder minder riesige Brocken Eis schon im Wasser.
Als wir wieder in Punta Bandera sind, bläst der Wind so stark, dass wir die Autotüre beim Öffnen gut festhalten müssen. Die „Santa Cruz“ liegt schon startklar am Steg, der Begrüßungssekt steht bereit. Der Salon mit Bar im Oberdeck hat große Panoramascheiben und viele bequeme Sessel in Lila, unsere Kabine hat auch ein riesiges Fenster und auf dem unteren Deck liegt der Speisesaal in Türkistönen.
Kurz nach dem Ablegen gibt uns Pablo, der Reiseleiter, in Spanisch und Englisch einen Überblick über den Reiseverlauf. Später erklärt er auch noch anhand einiger Grafiken, wie die vielen Gletscher in dieser Region entstanden sind und sich auch halten können. Danach verbringen wir einige Zeit in der Kabine und sehen die schroffen Berge mit und ohne Schnee oder Gletscher, darunter den See wie auf einer breiten Leinwand vorbeifahren. Ab und zu müssen wir uns kneifen, um zu wissen, dass wir nicht träumen. Wir fühlen uns vom Anblick der mächtigen Natur ‚entrückt‘.
Noch vor dem Abendessen darf die Reisegruppe von nur 20 Personen (aus Argentinien und Uruguay, USA, Singapur und Schweden) zu einem kleinen Spaziergang von Bord gehen. Wir erfahren von wild lebenden Kühen, zwei Gauchos, die in der Einsamkeit primitivst in einer Art Camping-Wagen leben und eben jene Kühe einfangen sollen, dürfen die typische Calafate-Beere probieren, sehen Fuchsien und stehen vor der zugigen Hütte eines Mannes, der fast sein ganzes Leben in dieser Bucht verbracht hat. Auf die Frage, was sein größtes Problem gewesen sei (in der Annahme, es ginge ihm um Natur, Gefahren oder Einsamkeit), antwortete er angeblich lapidar: Immer genügend Zigaretten zu haben.
Den Speisesaal erreichen wir gleichzeitig mit einem US-amerikanischen Ehepaar, das uns einen Vierertisch vorschlägt. Dave und Lynn stellen sich als so sympathisch heraus, dass wir auch alle folgenden Mittag- und Abendessen in ihrer Gesellschaft verbringen. Viele Leckerbissen werden aufgetischt, hervorragender Wein gereicht und wir schlafen wunderbar in unserer Kabine in einer windgeschützten Bucht des Lago Argentino. 


Tag 158 / Sa 12.1.2019 / Lago Argentino
(Cornelia) Nach dem Frühstück gehen wir noch einmal in derselben Bucht an Land und steigen einen Berghang hinauf. Pablo, unser Reiseleiter, weist uns auf allerlei Wissenswertes hin, lockt den patagonischen Specht mit seinem roten Kopf mittels einer Vogelstimmen-App an, zeigt uns von den wilden Kühen abgefressene Bäume, die, obwohl schon zehn Jahre alt, eher wie eben gepflanzte Büsche aussehen. Oben angekommen, sehen wir auf der anderen Seite des Hangs den gewaltigen Spegazzini-Gletscher; kurz vor dem Mittagessen werden wir ihn aus der Nähe sehen, wird uns angekündigt.
Alle wieder an Bord, es geht weiter. Das Boot erreicht gegen Mittag den 134 Quadratkilometer großen Spegazzini-Gletscher an der Grenze zu Chile. Alle stehen erst mal draußen und frieren und staunen. Welche Formen, welche Farben! Selbst die Mannschaft knipst mit dem Handy, denn der Gletscher sieht ja jedes Mal anders aus. Wir hören das Knacken im Eis, ein eisiger Wind weht, aber wir harren hinter der Reling aus. Dann wird zum Mittagessen gebeten, und der Kapitän, stets von der Jungfrau Maria gut beschützt, achtet während Vorspeise und Hauptgericht darauf, dass das Boot die Aussicht behält, unter leichtem Drehen, denn von jedem Platz soll dieses Schauspiel sichtbar sein. Unglaublich (luxuriös, aber auch) schön! Beim Dessert nimmt der Katamaran einen neuen Kurs auf; oft gibt es auch größere Wellen, je nachdem, ob der Wind in den jeweiligen Seitenarm des Sees gelangt oder nicht.
Nächster Programmpunkt: Fahrt zum Upsala-Kanal, in dem besonders viele Eisberge schwimmen, weil der Upsala-Gletscher so viel kalbt; deswegen ist es auch verboten, sich dem Gletscher mit dem Boot zu sehr zu nähern. Aber der Blick war beeindruckend.
Bereits am Anfang der Fahrt hat uns Pablo aufgefordert, die Gletscher, die wir sehen, mitzuzählen. Schnell verliert man den Überblick – aber wir wollen ja auch keine Gletscher-Buchhalter sein. Dennoch schätzen Tom und ich am Ende fast richtig und doch falsch: einer zu wenig bzw. einer zu viel. Mehr wird hier noch nicht verraten!
Pablo informiert mit einer interessanten Präsentation über die Pioniere am Lago Argentino – ihr Zusammenleben mit den Indios, ihre Erfindungen (Bootsbau, Fähre), ihre Versuche, Schafe auf dem kargen Land zu züchten, den Grund für manchen Ortsnamen. Am späten Nachmittag wird wieder in einer ruhigen Bucht angelegt, der ‚Bahia Toro‘. Über eine Leiter – für manchen Städter eine Herausforderung… - steigen wir zur wunderschönen baumbestandenen Bucht und folgen Pablo im Gänsemarsch zu einem ‚abuelo‘ (Großvater) genannten sehr alten Baum. In der Nähe rauscht ein Wasserfall. Mittlerweile hat auch jeder mit jedem Kontakt, so dass man auf dem Rückweg mal mit diesem, mal mit jenem plauscht.
Das nächste leckere Abendessen steht an; wir genießen es wieder mit Lynn und Dave. 


Tag 159 / So 13.1.2019 / El Calafate
(Cornelia) Schon vor dem Frühstück legt der Katamaran ab, alles schwankt stark und wir müssen in einer Art breitbeinigem Seemannsgang zum Speisesaal hinuntersteigen und uns dabei gut festhalten. Unser Blick fällt auf einen Wasserfall, dessen Wasser vom starken Wind horizontal verweht wird. Am Vortag hatte uns Pablo erklärt, dass dies, wenn es denn so wäre, hieße, dass die Windgeschwindigkeit 100 km/h betrage. Aha, uns dämmert schon, dass der nächste Ausflug buchstäblich ins Wasser fällt: Man hätte uns mit dem Beiboot an Land gebracht… Keiner ist traurig, dass Pablo das Abenteuer absagt, jeder spürt, welche Kraft der Wind hat. Vor ein paar Tagen hat der Wind, Eispartikel mitführend, sogar eine Fensterscheibe der Kommandobrücke beschädigt. (Offenbar passiert das öfter…)
Ersatzweise lässt man uns mehr Zeit vor dem großartigen Gletscher Perito Moreno. Das Boot ‚parkt‘ länger an der 70 Meter hohen Gletscherwand. Ihre beiden Teile sind durch eine natürliche Brücke verbunden, die nicht dauerhaft existiert. Der Gletscher arbeitet ja, denn er wandert täglich ungefähr zwei Meter. Wenn man das Grollen hört, das sein Kalben begleitet, ist es zu spät, um es zu sehen. Alle stehen an Deck und scannen die Gletscherbreite mit den Augen. Immer wieder reagieren die Gäste vielsprachig auf die Eisbrocken, die sich hier und dort lösen. Alle sind im Farbrausch – die Blautöne der Gletscherspalten und des Eises lösen Begeisterung aus.
Wieder folgt ein Lunch vor dem Gletscher, der Katamaran dreht, um allen Speisenden den Blick zu ermöglichen. Dann wird der Landgang angekündigt. Aber – hopp, hopp – es muss rasch gehen, denn der Schiffsanleger wird von einem großen Eisberg bedroht.
Wir haben anderthalb Stunden Zeit, die Wege auf den verschiedenen Balkonen abzugehen, die Info-Tafeln zu lesen, Strukturen in Weiß, Blau und Türkis zu bestaunen. Der Perito-Moreno-Gletscher präsentiert sich anders als am Freitag zuvor, weil der Sonnenstand anders ist und sicher auch einige Eiszacken schon ins Wasser gefallen sind. Kaum sind wir wieder an Bord, macht Pablo eine Durchsage: In den nächsten fünf Minuten sei zu erwarten, dass eine Eissäule einstürzen werde. Und tatsächlich hat er Recht! Der Mann kennt seine Gletscher. Übrigens haben wir insgesamt 19 auf dieser Fahrt gesehen!
Nach dem Ablegen werden alle zum Abschluss der „Spirit of the Glaciers“-Fahrt an Deck gebeten; Gäste und Mannschaft stoßen mit Sekt auf die vielen schönen Momente der Rundfahrt und ihren glücklichen Ausgang an; Adressen werden ausgetauscht. Tom und ich erhalten ernst gemeinte Einladungen nach Atlanta (Frankie), Milwaukee (Lynn und Dave), Australien (Daniel und Edwina) und Singapore (Hans und Maureen). Hans ist in Schweden geboren, Maureen in England, ihr Sohn Daniel in Paris; er lebt mit seiner frisch angetrauten australischen Frau Edwina noch in Stockholm, wird aber in zwei Monaten mit ihr nach Melbourne umziehen. Wir versprechen eine Kontaktaufnahme, bevor uns die Weltreise in ihre jeweiligen Länder führt.
Beinahe entschwinden mit dem Reisebus, der die anderen zum Flughafen nach El Calafate bringt, auch unsere zwei Rucksäcke; wegen beherzten Winkens, Brüllens und Rennens sieht mich der Busfahrer gerade noch: Gerettet! Unser Camper hat dem Wind getrotzt und erwartet uns, und am Campingplatz ist genau derselbe Platz wie vor der Kreuzfahrt noch frei. Wir schweben innerlich noch und schwärmen...

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Gletscher Perito Moreno
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